In Freiheit \ Endlich

Polnische Kunst nach 1989

31.12.2000

Die Ausstellung "in Freiheit \ endlich – Polnische Kunst nach 1989" spiegelt einiges vom Lebensgefühl in Polen in den 90er Jahren wider, die Befragung von Werten in einer Welt, die sich seit der Öffnung des "Eisernen Vorhangs" 1989 im Umbruch befindet. Gezeigt werden Künstler aus Danzig, Warschau und Krakau der zwischen 1955 und 1970 geborenen Generation, die Polen unter den Repressionen des kommunistischen Regimes erlebten und nun Analysen der neuen Freiheiten entwickelt haben.
In Malerei und Fotografie ebenso wie in skulpturalen Ensembles, raumgreifenden Installationen und Videoprojektionen herrschen künstlerische Strategien vor, die durch die Verfremdung vorgefundener Gegenstände und ihre Simulation bestimmt sind. Im Gegensatz zur Kunst der 80er Jahre ist die ästhetische Haltung heute von der Auseinandersetzung mit Marketing und den Denknormen politischer und wirtschaftlicher Freiheit geprägt. Es interessiert die Künstler jetzt, was alle in ihrem pivaten wie öffentlichen Lebensumfeld betrifft. Setzte sich Jaros_aw Modzelewski 1986 noch mit den Traditionen der polnischen Malerei auseinander, so wendet sich die Kunst der 90er Jahre mit Nachdruck dem Alltäglichen zu: Dem Körper, dem Individuum in Familie und Gesellschaft sowie der gemeinsamen Geschichte und der massenmedial geformten Gegenwart. Polnische Kunst nach 1989 reflektiert den persönlichen Ort in einer Welt, in der menschliche Existenz und gesellschaftliches Umfeld neu durchdacht wird.
Zur Ausstellung In Freiheit endlich erscheint ein Katalog, hrsg. von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden und dem Nationalmuseum Warschau (DM 58,-).
Das Projekt wird in Zusammenarbeit mit dem Nationalmuseum Warschau entwickelt. Es wird unterstützt vom Ministerium für Forschung, Wissenschaft und Kunst Baden-Württemberg, dem Ministerium für Kultur der Republik Polen und vom Auswärtigen Amt Berlin

In seinem Denkmal für einen Passanten wird Mariusz Maciejewski vor der Kunsthalle auf 7 Metern Höhe einen physischen und psychischen Balanceakt inszenieren. Während Piotr Jaros in seinen Installationen die Körperlichkeit der menschlichen Begegnung reflektiert, befragt Artur Zmijewski in eindringlichen Aktporträts körperlich behinderter Menschen das tradierte Körperschema.
Macht sich Pawel Althamer als Astronaut (1997) auf eine Erkundungsreise durch die westliche Kunstwelt der Documenta X, so bleibt Zuzanna Janin im Kreis der eigenen Familie und fragt in Fotografien rechter Füße nach den genetischen Banden, die die Generationen zusammenhalten. Diesem privaten Kosmos stellt Katarzyna Józefowicz Bilderteppiche aus zahllosen Tageszeitungsgesichtern entgegen, auf denen Individualität öffentlich entleert erscheint. Mediale Brechungen thematisiert auch der Bildhauer Grzegorz Klaman. Er installiert Fotografien menschlicher Gliedmaßen und auf den Bäumen um die Kunsthalle herum ausgestopfte Tiere in Glasröhren – das Bild der Natur ersetzt hier ihre Realität.

Joanna Rajkowska befasst sich mit Simulationsmechanismen westlicher Marketingstrategien und bietet in Dosengetränken scheinbar eigene Körperfermente dar, während Jadwiga Sawicka in ihren Fotografien um den dauerhaften Wert von Barbie und die großen gesellschaftlich getragenen Rituale kreist. Das Künstlerduo Marek Kijewski & Kocur hingegen lässt aus Popkulturikonen und Industriematerial Zeitgeist entstehen. Die Auswirkungen auf den polnischen Katholizismus zeigen die Installationen von Robert Rumas: In der schrankenlosen Demokratisierung dienen die vom Markt diktierten Mittel der Religion die zeitgemäße Sprache an. Eine noch radikalere Vermischung der Ebenen betreibt Zbigniew Libera mit seinem Lego Concentration Camp (1996), das nur vermeintlich zynisch Gewalt und kindliches Spiel in marktstrategischen Bindungen und Tabuzonen vermischt.

Publikation zur Ausstellung