Ich bin mein Auto

Der Traum vom rasenden Körper

30.6.2001 – 29.8.2001

Als zweiter Teil der Trilogie "Du sollst Dir ein Bild machen – Die fremden Ebenbilder des Menschen" stellt die Ausstellung die Frage nach der Identifikation des Menschen mit der von ihm geschaffenen Technik. Das Automobil, unsere meistgeliebte und –kritisierte Alltagsmaschine, ist keineswegs nur ein technologischer, es ist auch ein mythologischer Gegenstand. Die Geschichte des Autos wird von intensiven individuellen und kollektiven Gefühlen begleitet, die nicht von Rationalität und Pragmatismus, sondern von menschlicher Identifikation mit der rasenden Maschine bestimmt sind.

Ein Katalogbuch zur Ausstellung mit Texten von Jörg Jochen Berns, Jochen Hörisch, Gertrud Koch, Thomas Lischeid, Ludger Lütkehaus, Käte Meyer-Drawe, Peter Pfeiffer und Peter Thurn sowie dem Gespräch mit Jean-Marc Culas und Künstlertexten von Margrit Brehm, Diana Ebster, Fritz Emslander, Dirk Teuber und Ursula Trübenbach erscheint im Oktagon Verlag, Köln (208 Seiten, zahlreiche Abb., DM 38.-, im Buchhandel DM 48.-)

Rakete und Haifisch
Ein Grundthema der automobilisierten Welt, das schon Malerei und Collage in den 20er Jahren (zum Beispiel Hannah Höch und Oskar Nerlinger) beschäftigte, ist die Beschleunigung und Zersplitterung der Wahrnehmung etwa einer Landschaft bei schneller Autofahrt. Die als schwarz-weiße Verwischungen festgehaltene Geschwindigkeit der "Zwei Fiat" von Gerhard Richter (1964) bringt uns nur die relative Langsamkeit unserer eigenen Wahrnehmungsfähigkeit vor Augen. Seitdem es das Automobil als Fortbewegungstechnik gibt, haben die Künstler es gegen die Immobilie der Kunst, das Museum, in Stellung gebracht. Den Futuristen war der rasende Motorenkörper, der "Haifisch" (Marinetti), metaphorisches Vehikel ihrer bilderstürmerischen Verabschiedung aller alten Kultur: "(...) ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake" (Manifest des Futurismus, 1909). Der Haifisch, das verborgene «Gesicht» der Autokarosserie, spielt noch 1985/86 bei Richard Prince auf die wilden, animalischen Fantasien unserer Autofaszination an.

Auto – Körper
Der Surrealismus interessierte sich für die sexualisierte, leibähnliche Körperhaftigkeit des selbstbewegten Kraftfahrzeuges, ein Impuls, der noch bei Alberto Giacometti "Auf dem Automobilsalon" 1957 nachwirkte: "Das Auto (...) stammt nicht nur von der Kutsche, sondern vom Pferd und der Kutsche ab. Das daraus hervorgegangene Produkt ist gewiss merkwürdig: ein vollkommen mechanischer Organismus, der Augen hat, einen Mund, ein Herz und Eingeweide; er isst, er trinkt und arbeitet so lange, bis er zusammenbricht – was für eine absonderliche Parodie auf ein lebendes Wesen."
Von Anbeginn war die Rede über das Auto vor allem aber eine anthropologisch gefärbte, ein Diskurs über das Selbstverständnis der Menschen - durch die Verschiebung auf die Maschine nur knapp verschlüsselt. So sind diese Maschinen Nachbarn für uns geworden, in denen und mit deren Hilfe wir uns spiegeln. In gewisser Hinsicht sind die Autos Ebenbilder der Menschen, die in ihnen herumfahren und über sie reden.
Dass das individuelle Automobil als soziales Zeichen genauso eng zu seiner Fahrerin oder zu seinem Fahrer gehört wie ihre oder seine Kleidung, zeigen die Fotografien von Andrew Bush. Der Mensch benutzt sein Auto auch als fahrende Visitenkarte.

Spielzeug und Killer
Als traumartig animierte, vom Boden losgelöste Leiber schweben Cordula Güdemanns "Killerautos" (1989) durch schemenhaften Stadtraum. Tragisch vereint sind Mensch und Maschine im Autounfall, den Tamara Grcic in ihrer Installation "Autoteile und Decken" (2000/01) indirekt thematisiert. Dass das Automobil auch ein Spielzeug für Erwachsene ist, beschäftigt die jüngere Kunst, beispielsweise Zuzanna Janin in ihrer Autoscooter-Installation.
Christiane Möbus stellt mit ihren selbstfahrenden, zylindrischen Raumkörpern Automobilität an sich als befremdlichen Automatenzauber dar. Den Motor, der mit "kontrollierter Explosion und Kraftstoffzufuhr (...) völlig eigenständig leben kann", sieht Jason Rhoades als "Metapher für Schaffenskraft".