Thomas Ruff

Fotografien 1979 – Heute

17.11.2001 – 13.1.2002

Thomas Ruff gehört zu den heute weltweit bedeutenden Fotografiekünstlern. Er ist aus der legendären Klasse für Fotografie von Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie hervorgegangen. In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden wird sein vielschichtiges Schaffen in einer großen, 15 seit 1979 entstandene Serien umfassenden Übersichtsausstellung gezeigt. Die Ausstellung ist keine abschließende Retrospektive. Vielmehr stellt sie Thomas Ruffs künstlerische Arbeitsweise vor.
Die Ausstellung wurde von Matthias Winzen, dem Leiter der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, konzipiert. Von Baden-Baden aus tourt die bisher umfangreichste Ausstellung zum Werk von Thomas Ruff zu elf renommierten Kunstinstitutionen in Europa und den USA. Die Ausstellung wird ab dem 17. Februar 2002 in Teilen im Museum Folkwang Essen und in Oslo (20. Januar – 5. April 2002), anschließend als Gesamtschau in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus München gezeigt, um sodann nach Dublin, Porto, Liverpool sowie ab 2003 in die Staaten zu wandern.
Der Katalog mit Texten von Per Boym, Ute Eskildsen, Valeria Liebermann und Matthias Winzen gibt umfassende Einblicke ins Werk, enthält das erste komplette Werkverzeichnis zu Ruffs Schaffen und erläutert u.a. die These, dass Ruffs Fotografie nicht zuletzt deshalb als Kunst zu gelten hat, weil sie sehr genau die Paradoxien nicht nur des fotografischen Sehens, sondern von menschlicher Wahrnehmung überhaupt darstellt.

1979 – heute: Ein Überblick
Die Ausstellung präsentiert eine Auswahl aus nahezu allen bis heute entstandenen Werkserien von Thomas Ruff. Zu sehen sind u.a. Ruffs frühe, im Schwarzwald entstandene „Interieurs“, die Serie der „Porträts“, mit der Ruff August Sanders groß angelegte Fotoserie des „Menschen des 20. Jahrhunderts“ 60 Jahre später aufgriff und modifizierte, seine eindringlich nahen wie befremdend übergroßen „Porträts“, die „Anderen Porträts“, die Ähnlichkeit und Wiedererkennbarkeit mittels eines technisch zusammengesetzten Gesichtes beschwören, die geheimnisvoll, dabei schlicht technisch durchlichteten nächtlichen Stadtansichten und – aus der jüngsten Zeit – die "Nudes", die das Verhältnis von vorrationaler Neugier des Blickes und pornographischer Körperveröffentlichung im Internet thematisieren.

Wahrnehmung: das eigentliche Thema der Fotografie
Ein wichtiges Charakteristikum von Ruffs Fotografie ist die nüchterne und konzentrierte Beobachtung von Wahrnehmungsprozessen, einem nur scheinbar einfachen, selbstverständlichen Thema. In Ruffs fotografischer Reflexion wird nicht nur das Illusionistische und Konzentrierte des Kamerablicks sichtbar, sondern auch das Uneindeutige und Phantasiewillige des Blicks mit „bloßem Auge“.
Mit seinen Arbeiten widmet sich Ruff nicht mehr den traditionellen Kunstaufträgen Schönheit und Wahrheit. In Ruffs Konzentration auf Wahrnehmung spiegelt sich vielmehr eine (kunst-) historische Entzauberung wieder. Sie macht Thomas Ruff zum illusionslosen Zeitgenossen unserer heutigen Situation. Zugleich stellt sie Ruff an das jüngste Ende einer Linie von Künstlern wie Marcel Duchamp, Andy Warhol oder Gerhard Richter, in deren Werk Indifferenz produktive Unvoreingenommenheit bedeutet. Die Werkserien zeigen, wie Thomas Ruff den Wahrheitsanspruch von Fotografie durch die Fotografie desillusioniert – mit den illusionistischen Mitteln der Fotografie.

Warum ist Fotografie Kunst?
Ruffs erste große Erfolge in den achtziger Jahren werden von der neuerlichen Diskussion begleitet, ob Fotografie Kunst sein könne. Die positive Antwort des Kunstmarktes erklärt nicht konkret, woran sich die fesselnde Suggestion in Ruffs Bildern festmacht und was genau an seiner Arbeitsweise künstlerisch zu nennen ist.
Was verwickelt unsere Assoziationen in die fiktive Bildtiefe seiner Fotografien, die nur farbige Fotooberflächen sind, die andere Oberflächen abbilden? Warum wirken einige von Ruffs fotografischen Serien, etwa die „Porträts“ in den achtziger Jahren oder die „nudes“ heute, so zeittypisch, scheinen sie doch geradezu Kommentare zu bestimmten gesellschaftlichen Stimmungen zu sein, ohne Gesellschaft und Politik direkt zum Thema zu haben? Was genau besagt die häufig auf Ruff angewandte Formulierung, er thematisiere die Fotografie mit den Mitteln der Fotografie, wenn auf seinen Fotos stets Menschen, Häuser oder Sterne zu sehen sind? Und wie wären Thomas Ruffs „Haus“- Serie nach den fotografischen Gebäudearchiven von Bernd und Hilla Becher, wie seine „Porträts“ nach August Sanders „Menschen des 20. Jahrhunderts“ kunsthistorisch zu werten? Diesen Fragen widmen sich Ausstellung und Katalog.

Kurzbiografie
Thomas Ruff wurde 1958 in Zell am Harmersbach geboren. Bereits mit 23 Jahren, noch als Student, begann Ruff, seine Arbeiten in wichtigen Galerien und Kunstinstitutionen in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, Kanada, Holland, den USA, Italien, Belgien, England, Skandinavien, Spanien, Japan und Israel zu zeigen. Mit seiner seit 1986 entstandenen, großformatigen „Porträt“-Serie erlebte Thomas Ruff 1987/88 seinen Durchbruch im deutschen und internationalen Kunstbetrieb. Inzwischen gibt es weltweit zwischen San Francisco und Canberra kaum wichtige Ausstellungshäuser, in denen Thomas Ruffs Bilder nicht in Einzel- oder Gruppenausstellungen gezeigt worden sind. 1992 nahm er an der documenta 9 teil und stellte 1995 (zusammen mit Katharina Fritsch und Martin Honert) im deutschen Pavillon der Biennale Venedig aus. Er engagierte sich für dialogintensive Projekte mit anderen Künstlern, etwa „Zuspiel“ mit Georg Winter im Sprengel Museum Hannover 1996, ebenso für die Zusammenarbeit an großen Bauprojekten mit den Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Thomas Ruff ist heute Professor für Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf.