Das Tier in mir

Die animalischen Ebenbilder des Menschen

26.1.2002 – 1.4.2002

Winzig klein und überwältigend groß, als furchterregende Einzelwesen oder in unendlicher Vielzahl waren die Tiere immer schon da, kamen uns immer schon wild und gefährlich, schön und lustig, eklig und niedlich, schrecklich und reizend vor. Wir schauen sie als unsere direkten Vorfahren und Verwandten an, eingebunden in die Kontinuität eines Naturprozesses, dem auch wir uns unterworfen sehen. Wir haben uns angewöhnt, uns einerseits als ihresgleichen zu betrachten und wollen uns andererseits doch von ihnen unterscheiden. Bis heute und gerade heute leben wir mit den Tieren in einer Nachbarschaft, die kompliziert und schwierig, von Widersprüchen und Projektionen gekennzeichnet ist. Kein Bereich der menschlichen Reflexion hat sich mit dieser Widersprüchlichkeit so intensiv auseinandergesetzt wie die Kunst.
Im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, erscheint ein Katalogbuch, das alle Werke der Ausstellung mit Abbildungen und Kurzbeschreibungen vorstellt. Essays und Texte von Tilmann Allert, Johannes Bilstein, Diana Ebster, Fritz Emslander, Friedrich Kittler, Norbert Sachser, Claudia Schmölders, Dirk Teuber, Matthias Winzen und Miriam Zerbel (ca. 200 Seiten, zahlreiche Abb., in der Ausstellung EURO 19,50, im Buchhandel EURO 48.-).

Das Tier in mir – Teil III der Trilogie
Wer bin ich? Die Selbstbefragung des Menschen ist ein altes und gleichwohl aktuelles Thema, das nicht nur theoretisch erörtert, sondern auch von jeher in künstlerische Bilder gefasst wurde. Wenn wir uns unserer selbst genauer versichern wollen, dann wenden wir uns traditionellerweise Themen oder Gegenständen zu, die einerseits dem eigenen Menschlichen ähnlich sind, andererseits verschieden genug, um uns als Gegenüber zu dienen. Das Menschliche findet sich in seinen metaphysischen, maschinalen oder animalischen Nachbarfeldern wieder. Die Bildende Kunst hat sich mit allen drei Gegenständen immer wieder befasst: d.h. der gottnahen oder -fernen Metaphysik (Big Nothing), der Technologie (Ich bin mein Auto) und dem Tier. Von diesen fremden Ebenbildern handelt die Trilogie Du sollst Dir ein Bild machen - Die fremden Ebenbilder des Menschen in der Kunst. Die Ausstellung Das Tier in mir ist der dritte Teil der Trilogie, die im letzten Jahr begonnen hat. Auch Tiere sind ein Thema, mit dem sich die Menschen immer dann befassen, wenn sie einen ihnen benachbarten Bereich benötigen, in dem sie unüberschaubar große Vorstellungen wie „Menschheit“ oder „wir Menschen“ spiegeln und so indirekt bündeln können. Schon lange bevor „Verwandtschaft“ zur wichtigsten Verbindung zwischen uns und den Tieren wurde, haben wir über sie verhandelt und taten dies, um uns über uns selbst Klarheit zu verschaffen. Der mutige Löwe und die diebische Elster, die opferbereiten Pelikane und die stolzen Adler, die läppischen Affen und die starken Bären – all diese Tiere haben über die Jahrhunderte dazu gedient, Eigenschaften und Merkmale der Menschen zu symbolisieren. Auf dem Umweg über die Tiere reflektieren wir ausführlich und en detail über unsere Menschenwelt.

Tiere als Spiegel des Menschen
Seit den Höhlenmalereien zählen Tiere zu den zentralen Themen künstlerischer Weltdeutung. Heute halten sich Genforscher, Pharmakologen und Mediziner an die nächsten Verwandten des Menschen, um die Biologie des Menschen zu entschlüsseln. Der mal zärtlichen, mal schrecklichen Nähe zum Tier sind auch wir nicht entkommen. Wir lieben Tiere als Haus- und Wohnungsgenossen und essen Tiere zu Mittag. Oft behandeln wir Tiere nicht wie unsere 'Freunde', wir benutzen sie und zeigen in unserem Verhalten ihnen gegenüber gerade nicht die Vernunft, die uns angeblich von ihnen unterscheidet. Sind die Widersprüche, die Tier und Mensch in scheinbar rationaler Zivilisiertheit verstricken, heute weniger ungeheuerlich als in der Zeit der Schamanen? Nicht nur ältere symbolische und allegorische Darstellungen, auch moderne und zeitgenössische Künstler thematisieren das Tier als Träger menschlicher Eigenschaften, Ideale, Fragestellungen und Stimmungen. In der Ausstellung erscheint das Tier in der Kunst der letzten hundert Jahre als kreatürlicher Verwandter, Opfer, vorzivilisatorisches Gegenüber und Projektionsfläche des Menschen auf der Suche nach sich selbst.

Von Schimpansen, Spinnen und Bunnies
Es ist das Außerzivilisatorische, das Franz Marc zu Anfang des letzten Jahrhunderts größere Reinheit der Gefühle und der Eindrücke beim Tier vermuten ließ. Max Ernst und die Surrealisten interpretierten mythologische und psychisch paradoxe Konstellationen um Macht und Erotik als animalische Nähe zum Unter- und Vorbewußten des Menschen. Konfrontiert uns Francis Bacon mit der verletzlichen Leiblichkeit eines Schimpansen als Fast-Menschen, so wird für Louise Bourgeois die Spinne zur Verkörperung eines menschlichen Wesens: der Mutter. Die kosmologische Metaphorik vorgeschichtlicher, schamanischer Vorstellungen von Hase, Biene und Hirsch durchzieht das Schaffen von Joseph Beuys. Das mit der Kamera „abgeschossene“ Tier auf dem Safari- oder häuslichen Amateurfoto liefert die Vorlagen zu Gerhard Richters Überarbeitungen fotografischer Trophäen. In Katharina Fritschs proportional exakt berechneten Tierskulpturen wirken Mäuse, Pudel oder Ratten keineswegs berechen- und beherrschbar. Sarah Lucas nimmt den Spitznamen „Bunny“ zum Ausgangspunkt einer skulpturalen Materialcollage: eine Büroposse mit bedrohlichem Unterton. Während Elisabeth Hautmann den putzig-tyrannisch am Esstisch bettelnden Hausdackel vorführt, zeigt Piero Steinles Lichtinstallation, was in Tierkörperverwertungsanstalten mit Tieren und Tierteilen geschieht, die nicht auf unserem Tisch landen.