Die Wohltat der Kunst

Postfeministische Positionen der 90er Jahre aus der Sammlung Goetz

14.11.2002 – 10.11.2002

Die Ausstellung „Die Wohltat der Kunst“ stellt in einer pointierten Auswahl eine der international bedeutendsten deutschen Sammlungen zeitgenössischer Kunst vor: die Sammlung Goetz, München. In enger Diskussion mit der Sammlerin Ingvild Goetz konnten wir aus dem reichen Bestand wichtigster Positionen der letzten Jahrzehnte eine thematische Fragestellung entwickeln, die sowohl ein Hauptthema der Kunst der 90er Jahre untersucht, als auch - indirekt - die intellektuelle Physiognomie der Sammlerin in diesem Thema reflektiert. Die Ausstellung wurde gemeinsam von der Sammlung Goetz und der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden konzipiert und von Rainald Schumacher und Matthias Winzen kuratiert. Es erscheint ein Katalog mit Essays von Katharina Sykora und Jessica Morgan, Kommentaren zu allen Werken, einem kritischen Gespräch mit Thomas Meinecke und Barbara Vinken zum Begriff einer „post-feministischen Kunst“ und einem Interview, das Matthias Winzen mit der Sammlerin Ingvild Goetz zur Charakteristik und den Schwerpunkten ihrer Sammlung führte.

PostFeministisch
In dem Augenblick, in dem Alice Schwarzer und Verona Feldbusch gemeinsam in einer Fernsehshow auftreten können, zeigt sich, wie komplex und verschieden weibliche Identitätskonstruktionen heute geworden sind: klassische Rollenzuweisungen haben sich aufgelöst. Wie kein Jahrzehnt zuvor sind die 90er Jahre durch die offensiven und in ihrem analytischen Blick wenig konfliktscheuen Werke junger Künstlerinnen geprägt. Im Vergleich zum tradierten emanzipatorischen Ansatz des Feminismus, eine der einschneidendsten gesellschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts, haben sich die Strategien und Perspektiven junger Künstlerinnen grundlegend verändert. Selbstbewusst haben sie sich auch im Markt etabliert. Gibt es also eine post-feministische Perspektive in der Kunst und lässt sich diese konkret am Werk beschreiben?

Mit einer Auswahl von Arbeiten aus der renommierten Sammlung Goetz präsentiert das Ausstellungsprojekt »Die Wohltat der Kunst« die Positionsbestimmungen junger Künstlerinnen (und einiger Künstler), mit denen sie Gegenperspektiven zur repressiven Toleranz der Massenmedien der kapitalistischen Gesellschaft der 90er Jahre entwickeln. Gerade was die Formatierung des menschlichen Körpers betrifft (vor allem, wie der weibliche Körper auszusehen habe), gibt es kaum freien Außenraum jenseits der massenmedialen Bilderwelt mehr. Wir alle leben in Bildern. Demgegenüber manifestieren sich in der künstlerischen Selbstbehauptung ebenso utopisches Gedankengut wie offensive Identitätsbefragung. Neben Zeichnungen, Fotoarbeiten und Videos, werden zahlreiche multimediale Installationen präsentiert, in denen die Betrachter in spannungsträchtige Gedankenräume geraten. Dass neben international renommierten Künstlerinnen auch die Positionen dreier Künstler integriert sind, mag deutlich machen, dass die ideologische Trennschärfe früherer Debatten von vielschichtigeren Befragungen von Rollenklischees und Geschlechterbildern abgelöst wurde.


Positionen der 90er Jahre
Mit kritischem Bewusstsein für den eigenen Mediengebrauch analysieren die Künstlerinnen und Künstler individuelle wie gesellschaftliche Zustände, wodurch zugleich die neueren Medien der elektronischen Fotografie und des Videos im Mittelpunkt stehen. 
Als Pionierin fotografisch inszenierter und analysierter Frauenrollen und –klischees hatte die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman in den 70er Jahren begonnen, sich durch die offensive eigene Übernahme von Kleidung, Gestik, psychischer und physischer Zustände in ihren Fotoserien tradierter Vorstellungen zu bemächtigen. Für zahlreiche Künstlerinnen der nachfolgenden Generation wurde sie damit zum Vorbild. Neben frühen Arbeiten aus der Serie der »Busriders« (1976), die im Jahr 2000 neu aufgelegt wurden, und Arbeiten aus den 80er und 90er Jahren zeigt die Ausstellung jüngst entstandene Porträts, in denen Sherman in veränderter Weise auf vorangegangene Strategien ihrer Selbstinszenierungen zurückgreift. Die Fiktionalität und den Illusionismus der prägenden Bilder des Fernsehens und des Kinos macht sich u.a. auch Tracey Moffatt zunutze. Einzelne Bilder aus ihrer Serie »Something more« (1989) wurden im Laufe der 90er zu Ikonen zeitgenössischer Kunst. Das Verlangen nach einer neuen, anderen Geschichte befriedigt Karen Kilimnik in der Inszenierung einer glamourösen Nippeswelt, in denen die eigene Existenz mit den fiktiven Stories der Literatur und Massenmedien verschmilzt. Mona Hatoums Verwandlungen hausfraulich konnotierter Geräte wie Küchensieb oder Schöpflöffel wiederstehen schmerzvoll ironisch ihrer gewohnten Funktion. Rineke Dijkstras Videoinstallation »The Buzzclub« dagegen versucht, das fragile Experimentieren junger Club-Besucher mit Rollenklischees der Erwachsenenwelt zu fassen.

Sammlung Goetz
Für die Münchner Sammlerin Ingvild Goetz bot die Auseinandersetzung mit den Werken junger und jüngster Kunst nicht zuletzt die Möglichkeit, sich dem Selbstverständnis der Generation der Töchter anzunähern. In diesem Sinne behandelt die Ausstellung die Frage: Was heißt es eigentlich, unter den Medienbedingungen der 90er Jahre als junge Frau erwachsen zu werden? Das konkrete inhaltliche Interesse der Sammlerin führte zu einer der weltweit konzentriertesten Sammlungen der Kunst der 90er Jahre. Indirekt lässt dies auch danach fragen, inwiefern sich die intellektuelle Physiognomie einer Sammlerin in deren Werken spiegelt. Ingvild Goetz, zuvor erfolgreiche Galeristin, hatte sich in den 80er Jahren vom Kunsthandel ab- und dem intensiven Sammeln von Kunst zugewandt. Das Kunstwerk als Ware tritt zurück, es wird um so mehr Medium der Wirklichkeitsdeutung.