Corinne Wasmuht

Malerei

19.9.2003 – 16.11.2003

Corinne Wasmuht (geb. 1964) gehört zu den einflussreichsten Künstlern der jüngeren Generation in Deutschland. Aufgewachsen in Argentinien, hat die Malerin seit den 1980er Jahren in Düsseldorf und Berlin eine eigenwillige, kaum auf generations- oder künstlergruppenspezifische Einflüsse zurückzuführende Position entwickelt. Ihrer aufwändigen, minutiösen Arbeitsweise zum Trotz ist in den vergangenen 15 Jahren ein umfangreiches Werk entstanden, das in der Ausstellung in Baden-Baden erstmalig im Gesamtzusammenhang vorgestellt wird. Corinne Wasmuhts Bilder sind Verlangsamungen. Schildkröten, Frösche oder Schlangen - Tiere, die sich mitunter stundenlang nicht bewegen, halten in den frühen Gemälden von Corinne Wasmuht völlig und endgültig still. Die Farben und Muster der Tierkörper scheinen ein ornamentales Leben in der Bildfläche zu beginnen, ohne aber etwas anderes als sich selbst zu ornamentieren. Die neueren Bilder wirken häufig so, als würden verschiedene Sichtbarkeiten einander überlagern. Das kurze Auftauchen von Vorstellungen im Bewusstsein und deren assoziative Verknüpfung miteinander werden während des monatelangen Malprozesses in ein dauerhaftes Bild überführt. Das Wahrnehmungssystem der Welt, das sich Corinne Wasmuht mit ihrem Bilderfindungsverfahren geschaffen hat, funktioniert abseits kurzfristiger Themenkonjunkturen als hochfeines Sensorium der Gegenwart. In ihrer Malerei hebt sich die Unterscheidung von echt und simuliert, von real und inszeniert, von natürlichem Anblick und digitalem Schein auf. Mit ihrem unzeitgemäß langsamen Bilderzeugungsverfahren in Öl setzt Corinne Wasmuht dem massenmedialen Bilderrauschen ein anders strukturiertes Instrumentarium entgegen.

Zeit
Auf eine geradezu sture Art passen Corinne Wasmuhts große Ölgemälde auf Holz nicht so recht in den momentanen Kunstbetrieb und seine gängigen Deutungsmuster. Vielleicht wird das gleichwohl große Interesse, welches die Künstlerin mit ihrer Arbeit in den letzten Jahren hervorgerufen hat, auf eigenartige Weise dadurch gesteigert, dass Corinne Wasmuht erkennbar nicht absichtlich Verqueres produziert: Ihre Malerei kann offensichtlich nicht anders zustande kommen. Die Arbeit an jedem einzelnen Bild vollzieht sich seit rund 15 Jahren immer wieder geradezu selbstschädigend langsam. Ein vages Thema verdichtet sich zur Bildidee, indem oder während die Künstlerin Unmengen von Abbildungen von Steinen, Raupen, histologischen Schnitten, Astronauten in Weltraumkapseln, Frisuren, architektonischen Raumansichten und Ähnliches sammelt (Wochen vergehen). In einem weiteren Schritt, der Zusammenfügung der Materialmassen irgendwo zwischen Collage und Puzzle, verdichtet sich alles zu einem Bildentwurf (Monate sind vergangen). Dieser Entwurf wird als nächstes auf eine mehrere Quadratmeter große Holztafel übertragen und in vier oder mehr Arbeitsgängen Lasurschicht für Lasurschicht altmeisterlich und sozusagen von hinten nach vorne aus der Bildanlage herausgeholt. Mit diesem Malverfahren verbindet Corinne Wasmuht die Vorstellung, das Bild solle »wie von hinten beleuchtet wirken wie ein Kirchenfenster oder ein Fernsehbildschirm«. Es scheint eine geheime, schwer erklärbare Verbindung zu geben zwischen der langen Dauer des Herstellens und der langen Betrachtbarkeit eines Bildes von Corinne Wasmuht.

Zwischen: Raum aus Gegensätzen
Einerseits gerät nichts in Corinne Wasmuhts Bildern malerisch vage oder unentschieden. Steine, Haare, Tierkörper, Landschaftsformation, Höhlen oder architektonische Ansichten erscheinen dingfest und geradezu haptisch verfügbar. Andererseits aber verweigert das Ganze eines Wasmuht-Bildes auf paradoxe Weise immer alle Verfügbarkeit, allen gesicherten Zugang des Blicks zu etwas Wiedererkennbarem. So realistisch, so natur- oder gegenstandsgetreu Einzelheiten ins Bild gesetzt sind, so entschieden zieht sich die Gesamtheit aller Einzelheiten, der Anblick im Großen, hinter eine Grenze des Traumartigen, des Hypothetischen, zurück. Wir blicken in einen anderen Raum. Das Licht im Bildraum, etwa in Linien/Landschaft, Zellen/Sand oder Kraken, erscheint als reine Beleuchtung, d.h. als Lichteinwirkung ohne diesige oder neblige Schwebestoffe in der Luft. Haben diese Bildräume überhaupt Luft, Atmosphäre? Wäre in solchen Bildtiefen ein Luftzug, gar Wind vorstellbar? Wohl kaum, vielmehr suggeriert das kalte, sezierende, auf Dingoberflächen und klarste Sichtbarkeit fixierte Bildlicht unbewegte Stille, vollkommene Künstlichkeit, Starre einer atmosphärelosen Planetenlandschaft, Ruhe im Weltraum (oder einer Science-Fiction-Filmkulisse). Alle Gegensätze, die Corinne Wasmuht ebenso sanft wie unerbittlich, ebenso wohl balanciert wie unvereinbar gegeneinander wirken lässt, konstituieren ein Zwischen, eine Spannung, eine Schwebe, ein Wie ihres Gegeneinanders, eine Form, nicht den Inhalt einer benennbaren Pointe. Form heißt in Wasmuhts meisterhaften Bildern nicht Formalität, Konvention, Tradition. Form ist bei Wasmuht intensiv, ja obsessiv gefüllt, jedoch eben nicht mit Inhalten, sondern mit Gegensätzen, mit Differenzen. Differenzieren wiederum ist die Grundlage für klares Wahrnehmen. In diesem Sinn handeln Wasmuhts Bilder, auf denen erstaunliche, mühevoll erzeugte Mengen von gegenständlichen und figurativen Einzelheiten zu sehen sind, nicht von Wahrgenommenem, sondern vom Wahrnehmen.

Übersetzungsprozeduren
In dem langwierigen Prozess von einer Bildidee zu einem präzisen Bildentwurf spielt bei Corinne Wasmuht nicht nur das Sammeln umfänglicher Mengen einschlägiger Bildmaterialien eine große Rolle, sondern auch das Zusammensetzen, das Anordnen in der Fläche, die Collage. Dabei tritt die Collage aber nicht als eigenwertiges Verfahren hervor, als Ausdrucksträger des Fragmentierten, spannungsvoll nebeneinander Liegenden, Zerschnittenen oder Zersplitterten wie etwa in der klassisch-avantgardistischen Fotocollage. Collageartig Zusammengesetztes bestimmt den Aufbau von Bildern wie Mikroskopische Anatomie (1994) und Räume (1996/97), ohne dass die Schnitte oder Fügekanten an den Rändern der kleinteiligen Bildsegmente selbst betont wären. In Mikroskopische Anatomie ergeben sich die Fügekanten aus den Rändern der schematischen gewebekundlichen Blockdarstellung. Die verräumlichten Gewebeblöcke füllen auf paradox flächige Weise die große Bildebene. In Räume sind viele Schnittkanten zwischen den verschiedenen Raumsegmenten von perspektivisch angeordneten Linien überzogen, und so erscheinen sie raumillusionistisch als Kanten von Mauern, vorstehenden Pfeilen oder Deckenverkleidungen. An manchen Stellen verbinden die Fügekanten die einzelnen Raumsegmente mehr, als dass sie sie trennen, und ein Raum gleitet an seiner Decke ununterscheidbar in die Bodenzone des anderen über. In beiden Bildern, Mikroskopische Anatomie und Räume, verschwindet das Collagehafte, so grundlegend es für den Bildaufbau ist, organisch im Bild. Wasmuhts einprägsame, visuell suggestive Kippfiguren zwischen Räumlichkeit und Fläche verweisen darauf, dass hier eine Bildautorin Collage nicht als Schnitt und Zersplitterung einsetzt, sondern als verblüffend selbstverständliches, selbst nicht sichtbares Additionszeichen, als kaum merklichen Übergang, als ein Zwischen, das Getrenntes so unabweisbar plausibel zu verbinden vermag wie nächtlicher Traum.
Die bildstrategische Operation, das Collagehafte so tief in die Bildstruktur zu implantieren, dass die Collagetechnik selbst nicht vordergründig und sichtbar ist, erfordert sehr viel Zeit, vergleichbar vielleicht einer Übersetzung eines russischen oder koreanischen Textes, dem jedoch zum Schluss vor allem nicht die Mühen der Übersetzung abzulesen sein sollen.

Radikale Verlangsamung
Corinne Wasmuhts Bilder zeigen: Alles ist wichtig. Alles soll genau angeschaut werden. Man kann dies als extreme Überforderung empfinden, denn: Wie soll man alles betrachten? Man müsste das sowieso schon hektische Alltagswahrnehmen noch mehr beschleunigen. In gewisser Hinsicht ist dies aber eine Konsumentenangst, zu sehr auf die (bedrohlich massenhaften) Objekte unserer Warengesellschaft fixiert. In der selbstreflexiven Wendung, in der Hinsicht auf das wahrnehmende Subjekt, auf mein eigenes Wahrnehmen, bedeutet Wasmuhts Bildkonzept extremste Verlangsamung. Wenn alles wert ist, genau betrachtet zu werden, muss ich mir dafür Zeit nehmen. Auch das kann Ablehnung auslösen (Illies), sollte aber nicht davon ablenken, dass Corinne Wasmuht nicht nur einfach Bilder malt, sondern zeigt, dass die Bildende Kunst als Fachdisziplin für Wahrnehmung einer der ganz wenigen Orte unserer Gesellschaft ist, an dem grundsätzlich über unser Wahrnehmungsleben nachgedacht wird.