Ha Kypopt!

Russische Kunst heute

1.5.2004 – 27.6.2004

Wer sind heute die maßgeblichen Vertreter zeitgenössischer Kunst in Russland? Auf das große westliche Interesse im Zuge der Perestroika folgte eine Phase mäßig intensiven Austauschs. Aber was passierte nach Gorbatschow und Kabakov? Die Ausstellung »HA KYPOPT!« (übers.: »Auf zum Kurort«) in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden präsentiert als Antwort und zur weiteren Diskussion eine Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst Russlands. Gezeigt werden Installationen, Fotografien, Videos und Performances von mehr als 35 Künstlerinnen und Künstlern, die Aspekte der russischen Kunstszene in Moskau und Berlin aus den letzten zehn Jahren widerspiegeln.

Russland und Baden-Baden haben eine spezielle Beziehung zueinander. »Kurort« ist als Lehnwort ins Russische eingewandert (titelgebend für unsere Ausstellung: KYPOPT). Zudem sind »Kurort« und »Baden-Baden« auf russisch fast Synonyme – welch liebevoller Blick aus den Tiefen des nach wie vor großen Russlands auf die Kurstadt an der Oos! Schon Fjodor Dostojewski, berühmter Besucher Baden-Badens und seines Casinos, reicherte seinen grotesken, in Teilen tragischen Roman »Der Spieler« mit humorvollen Beobachtungen aus »Roulettenburg« (=Baden-Baden) an. Zur Eröffnung der Ausstellung kehrt Dostojewski in seinem künstlerischen Wiedergänger Wladislaw Mamyschew-Monroe zurück. Dem Russlandreisenden begegnet heute eine lebendige Kunstszene, in der sich Performance mit Gesellschaftskritik, Clownesk-Aggressives mit zarter, literarisch und philosophisch wohlinformierter Poesie trifft. Spürbar ist ein anarchisches Beharren auf der Freiheit der Kunst. Man ist intellektuell aufgewühlt, hochkonzentriert, aufmerksam, sehr kraftvoll – das Gegenteil von gelähmt!

Kennzeichen dieser Generation junger Künstler ist ihre direktere Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Realität. Im Gegensatz zum intellektuellen Moskauer Konzeptualismus der 1980er Jahre sucht die Generation der 1990er den direkten Dialog mit dem Sozialen und dem Alltäglichen. Künstler wie Boris Mikhailov und Georgij Perwow zeigen in ihren Fotoarbeiten die Umbrüche und sozialen Härten des gesellschaftlichen Wandels in Russland oder greifen als soziale Plastiker direkt in gesellschaftliche Strukturen ein. So initiiert der Künstler Nikolaj Polisski in dem russischen Dorf Nikola-Leniwez kollektive Aktionen, an denen die ganze Gemeinde beteiligt ist. Auch Wladimir Archipow sucht den Dialog mit der Nicht-Kunst des Alltags. In seinem in Baden-Baden durchgeführten Projekt »Funktionierende Bildhauerei aus Baden« hat er Alltagserfindungen und Selbstgebasteltes aus Baden-Baden und Umgebung aufgespürt, um die Gebrauchsgegenstände als Dokumente alltäglich angewandter Kreativität in der Ausstellung zu präsentieren. Als Vertreter eines linken sozialen Aktivismus versteht sich auch die Moskauer Künstlergruppe »Radek«. In Gemeinschaftsprojekten und politischen Demonstrationen versuchen die Mitglieder, den Wert kollektiver schöpferischer Prozesse in einer sich zunehmend individualisierenden und konsumorientierten Gesellschaft zu retten.

Körper und Performance-Kunst
Der Ort unmittelbarer Auseinandersetzung mit der physischen Realität ist der Leib – eine häufig wiederkehrende Metapher in der zeitgenössischen russischen Kunst. Künstler wie Irina Korina oder »Die Blauen Nasen« hinterfragen den gesellschaftlich geformten Körper. Für Oleg Kulik ist der menschliche Körper ein wichtiger – wenn nicht der einzige übrig gebliebene – Anhaltspunkt individueller Selbstvergewisserung. In der Ausstellung ist der international bekannte Künstler mit seinen erotisch aufgeladenen »Lolita«-Darstellungen vertreten. Symbolisch stehen sie für den Versuch, den Leib als Individualität zurückzugewinnen, den Leib, der im Kommunismus als sozialisierter Körper tendenziell enteignet war. Ein wichtiges Ausdrucksmittel ist der menschliche Körper auch im Bereich der Performance-Kunst, die zu Beginn der Ausstellung großen Raum einnimmt (La Rose Sauvage, Natalia Mali / Andrei Prigov, Marina G. M. Ljubaskina-S., Wladislaw Mamyschew-Monroe, Nina und Torsten Römer, Leonid Sochranski). Elena Kovylina, eine Vertreterin der bis zur Autoaggression radikalen Performance, wird im Rahmen der Ausstellung eine Teezeremonie ausrichten, die vor ihr und um sie herum in Flammen aufgeht. Der Performance-Künstler Wladislaw Mamyschew-Monroe dagegen nutzt seinen Körper als historische Projektionsfläche. Regelmäßig versetzt er sich performativ in zeitgenössische und historische Persönlichkeiten wie Hitler, Bin Laden oder auch Lenin. In Baden-Baden nimmt er auf die deutsch-russische Vergangenheit der Stadt Bezug und verkörpert die Figur Fjodor Dostojewski. Die Rückkehr Dostojewskis als »Der Spieler« wird über die Eröffnung hinaus in der Ausstellung anhand von Fotografien dokumentiert. Wie Wladislaw Mamyschew-Monroe nutzen viele zeitgenössische Künstler in Russland die Kunst zur Selbstbestimmung in dem vom Umbruch geprägten postsowjetischen Land. Nach der ersten Perestroika-Begeisterung ist man heute ernüchtert. Da sich manche künstlerische Hoffnungen auf einen Dialog zwischen dem Sozialen, Politischen und den Medien bis heute nicht erfüllt haben und sich manche Künstler (in Moskau spöttisch die »Neoliberalen« genannt) zunehmend nach dem Kunstmarkt ausrichten, fordern Künstlerpersönlichkeiten wie Oleg Kulik bereits eine Rückbesinnung auf das Atelier (vgl. sein Video »Das Koordinatensystem«). Damit ist kein Rückzug verbunden, vielmehr soll aus der Konzentration des Ateliers Kunst als kritisches Korrektiv und als kulturelle Gegenkraft umso klarer hervorgehen.

Katalog: Matthias Winzen / Georgij Nikitsch (Hg.), mit Texten u.a. von Oleg Aronson, Jekaterina Degot, Nicole Fritz, Jörg Katerndahl, Viktor Misiano, Nina und Torsten Römer, Olesja Wladimirowna Turkina und einer bebilderten Chronik 1991–2003 von Ekaterina Lazareva und Georgij Nikitsch sowie Beiträgen der Künstlerinnen und Künstler, Wienand-Verlag Köln, ca. 200 S. mit 100 farbigen und 30 s/w Abb., € 27 Das Projekt wird durch die gefördert und vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg unterstützt.

Die Ausstellung HA KYPOPT!
Wie steht es um die zeitgenössische Kunst in Russland? Nach welchem Konzept werden Künstler für eine „repräsentative“ Ausstellung ausgesucht? Und bezieht sich dieses Konzept auf die Auswahl konkreter Kunstwerke?

Kuratoren haben, wie es scheint, zweierlei Temperamente, die einen lassen sich von politischen Überlegungen, die anderen vom Forschergeist leiten. Natürlich ist bei jedem Projekt beides im Spiel, aber der Akzent gibt den Ausschlag. In unserem Fall hat sich die Gruppe der Kuratoren wohl in ihrem Interesse am unvorhersagbaren Ergebnis gefunden. Schritt für Schritt haben sie gemeinsam und getrennt die Aktivität russischsprachiger Künstler in Berlin, Düsseldorf, Jektarinburg, Krasnojarsk, Moskau, Nowosibirsk und St. Petersburg erforscht, ihre Eindrücke miteinander verglichen und Arbeiten ausgewählt. Die so zustandegekommene Ausstellung lässt sich deshalb kaum als „Beschreibung der Kunstszene“ bezeichnen (denn ein Stück, das ins Szene gesetzt wird, unterliegt stets der Regie). Aus unserem Vorhaben ist ein gegenständlicher Bericht über eine „Forschungsreise“ geworden, und nicht von ungefähr wurde der Titel der Ausstellung „HA KYPOPT!“ („Auf in den Kurort!“) erst gefunden, nachdem die Exponate zusammengestellt waren. Und es ist auch kein Zufall, dass diese Wortverbindung sehr harmonisch klingt und die spezifische Besonderheit unserer Methode zeigt, die Arbeiten der Künstler nicht zu „färben“ oder zu interpretieren.

Übrigens hat die Tatsache, dass den Künstlern nicht nur kein fester, sondern überhaupt kein konzeptueller Rahmen vorgegeben wurde, bei vielen Erstaunen hervorgerufen. Die Künstler waren nicht darauf vorbereitet, eine Idee anzubieten, die „jetzt“ für sie wichtig ist. Dies zeugt von einer beträchtlichen Genormtheit und Bereitschaft zur Gestaltung vorgegebener Themen oder zur Verfügung stehender Ausstellungsflächen – solche Positionen wurden nicht in die Ausstellung aufgenommen.

Da wir in der Ausstellung keine Themenbereiche abgesteckt und keine Angaben über einen inhaltlichen Rahmen gemacht haben, muss jede Aufgliederung der gezeigten Arbeiten sehr relativ bleiben. Man kann sie im Kontext der Medien oder der Politik betrachten sowie im Format ihrer sozialen oder persönlichen Psychologie beziehungsweise Psychotherapie.

Soziale und politische Probleme werden kaum mit den Mitteln der Kunst behandelt, eher ins Feld der Kultur „hineingezogen“, und manchmal lösen sie sich darin auf („Radek-Room“, „Europa“-Serie von Tatjana Antoschina, „Baden-Baden 2“ von Sergej Bugajew Afrika, „Realität. Mythos. Realität“ von Georgij Perwow, „Moshe Dayan“ von Leonid Sochranski, „Geopolitik“ von Wasilij Slonow, „Nikola-Leniwez Product“ von Nikolaj Polisski).

Fragen zur Massenkultur und zum Massenbewusstsein werden mit überraschenden Übersetzungen in den Bereich des Mystischen oder Infernalen beantwortet („Geister“ von Sergej Schutow, „Magischer Spiegel“ von Wikentij Nilin, „Lollipops“ von Jelena Berg, „Video auf einem Knie“ der Gruppe „Die Blauen Nasen“, „Der Spieler“ von Wladislaw Mamyschew-Monroe, „Die Tarnung“ von Irina Korina, „Ahnengalerie“ von Aleksandra Koneva, „Ko : ma“ von Alexej Kostroma).

Die visuelle Sättigung und emotionale Wirkung überwiegen die Lesbarkeit des konzeptuellen Textes („Moskauer Parthenon“ von Nikolaj Owtschinnikow, die Installationen von Anatolij Shurawljow und Valerij Koschljakow, „Alice vs. Lolita“ von Oleg Kulik, der Film „Straße“ der Gruppe „Where Dogs run“, die Installation „Die Liebe“ von Natalia Turnowa, „Der Himmel 1“ von Vitalij Puschnizki, „Mein Lieber, töte den Avantgardisten“ von Dmitrij Zwetkow).

Deutsch-russische Vergangenheit Baden-Badens
Russland und Baden-Baden haben eine spezielle Beziehung zueinander. „Kurort“ ist als Lehnwort ins Russische eingewandert (titelgebend für unsere Ausstellung: „HA KYPOPT!“). Zudem sind „Kurort“ und „Baden-Baden“ im Russischen fast Synonyme. Irgendwie scheint Baden-Baden – ähnlich der stabilen US-amerikanischen Verehrung für Heidelberg – ein idealer Sehnsuchtsort zu sein, aus der Ferne. Von der Baden-Badener Stadtklinik ist verbindlich zu erfahren, dass junge russische Paare zur Geburt des Kindes nach Baden-Baden kommen, des wunderbaren Klangs des Ortsnamens in der Geburtsurkunde wegen. Welch liebevoller Blick aus den Tiefen des nach wie vor großen Russlands auf die kleine Kurstadt an der Oos! Das Liebevolle liegt dabei, wie immer, in der Sichtweise des Blickenden, es ist selig unabhängig von den Realitäten des oder der Angeblickten. Die verzaubernde Aura, die Paradoxie einer Ferne, so nah sie sein mag, produziert der Blickende gleich mit, exemplarisch beschrieben von Fjodor Dostojewski am unglücklich verliebten „Spieler“, der der reservierten und eingebildeten Polina beharrlich Attraktivität ansieht. Dostojewski, 1862/63 Besucher Baden-Badens und seines Kasinos, lässt seinen „Spieler“ mal amüsierte, mal wütende, immer entlarvende Beobachtungen zur kurstädtischen Wichtigtuerei in „Roulettenburg“ und zur Person der widerborstigen Angehimmelten anstellen, tragikomisch eingebettet in Selbstreflexionen des fortgesetzten finanziellen (Kasino) und erotischen (Polina) Dilemmas des Ich-Erzählers. Die Kurstadt des Glücks und des Glücksspiels, Stätte erbaulicher Erholung und abrupten Ruins, findet in der zweideutigen Figur der anziehend-abweisenden Polina ihre personifizierte Entsprechung, ihre Allegorie.

Bis heute scheint Baden-Baden in Russland die unwiderstehliche, sehnsuchtsvolle Attraktivität einer entfernten, unerreichbaren Geliebten zu haben. Im tiefen Raum kollektiver Fantasien markiert der Kurort sozusagen das dem Verbannungsort Sibirien entgegengesetzte Ende der russischen Welt. Dostojewski kannte beide Enden aus eigener Anschauung. Anstatt für sein politisch-literarisches Agitieren hingerichtet zu werden, wurde der Dichter Anfang der 1850er von Zar Nikolaus I. „gnadenhalber“ nach Sibirien verbannt. Eineinhalb Jahrzehnte später weilte er in Baden-Baden, was aber für den inzwischen berühmten Schriftsteller nur in einigen Aspekten angenehmer war. Wie später seine Romanfigur hatte sich der Dichter beim Roulettespiel gründlich ruiniert (allerdings nicht in Baden-Baden, sondern in Wiesbaden). Zur Eröffnung der Ausstellung in Baden-Baden kehrt Dostojewski in seinem künstlerischen Wiedergänger Wladislaw Mamyschew-Monroe zurück. Aber die Reinkarnation durch Mamyschew-Monroe ist nicht nur lustige Maskerade. Zum einen liegen in der Wahl des Performancekünstlers, für seine Ausstellungsbeteiligung in Baden-Baden einen Dichter des 19. Jahrhunderts zu verkörpern, Anspielungen auf die lange Tradition russisch-badischen Kontaktes und zugleich auf das heutige Erscheinungsbild des Kurorts. Zum anderen war der historische Dostojewski kein harmloser oder naiver Beobachter Baden-Badens, sondern einer, der auch das eigene Beobachten und die Rückwirkungen des Beschriebenen auf den Beschreibenden thematisierte. Indem sich Mamyschew-Monroe in die maskenbildnerische und historische Hülle des Dichters hineinbegibt, treibt er, wie der Dichter in seinen psychogrammatischen Romanen, ein Spiel mit Perspektiven. Ist nicht jeder Anreisende am Reiseziel zunächst in einer Rolle, der des Gastes, der unfreiwilligen, unausweichlichen Maske des Fremden? Ist er nicht (wie Mamyschew-Dostojewski) geradezu bekleidet mit den Klischees und Attributen, die ihm von außen zugeschrieben werden? Kann es zwischen sprachlich und kulturell entfernten Mentalitäten wirklichen Austausch, echtes Verstehen geben? Positiv formuliert: Kann es ein tiefer gehendes Verstehen der eigenen kulturellen Prägungen und Traditionen geben ohne die Begegnung mit fremden Mentalitäten? In der grotesken, unzeitgemäßen Maskerade des zart fühlenden Wüterichs Dostojewski wirft Mamyschew-Monroe Grundfragen unseres deutsch-russischen Austauschprojektes auf, das nach seiner Präsentation in Baden-Baden auch in Moskau zu sehen sein wird.

Russlands lebendige Kunstszene
Noch vor zwölf bis 15 Jahren war das Kriterium für die Bewertung der Arbeit russischer Künstler ihr „Integrationspotenzial“: die Verständlichkeit und Ähnlichkeit ihrer sprachlichen und ideologischen (vom russischen Standpunkt aus – westlichen) Ausdrucksweise, wobei der Verzicht auf totalitäre Ausdrucksformen des sozialistischen Realismus genauso offensichtlich sein musste. Diese Periode, die im „Zeichen Kabakovs“ verlief, wurde in den 1990er Jahren von einer kurzen Zeitspanne abgelöst, in der ein neuer Raum für die Kunst radikal von wenigen Wortführern (Alexander Brener, Oleg Kulik, Anatolij Osmolowski) erschlossen wurde. Ihre Nachfolger, postkonzeptualistische Künstler und Kuratoren, setzten diese Linie in mehreren Städten Russlands fort.

Die Ideen, wie die russische Eigenart der zeitgenössischen Kunst zu identifizieren und in den internationalen Kunstkontext zu integrieren sei, spiegelten sich in den Themen und Titeln vieler Ausstellungen dieser Zeit wider (viele davon sind in der Chronik am Ende dieses Katalogs aufgeführt).

In den beiden letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hielt sich die schmerzliche Einsicht, dass sich die Namen russischer Künstler und aktueller Phänomene der russischen Kunst nur etablieren können, wenn sie sich ihre „Daseinsberechtigung“ oder ihren Platz im professionellen europäischen bzw. amerikanischen Kunstbetrieb erwerben. Nicht von ungefähr galt das Hauptinteresse um die Jahrtausendwende dem Aufbau von Institutionen zur Förderung zeitgenössischer Kunst – der Etablierung staatlicher Einrichtungen, der Ausweitung des Netzes von Zentren für zeitgenössische Kunst sowie der Modernisierung der Ausstellungspraxis in den Museen. Auch die Zunahme von Galeriegründungen und Veranstaltungen zum Thema der zeitgenössischen Kunst in Form von mehr oder weniger regelmäßigen Messen, Festivals oder Foren zeugen von diesem Aufbruch. Es wäre eine Übertreibung, zu sagen, die kulturelle Bautätigkeit, die die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst fördern und ihren Einflussbereich erweitern sollte, habe auch nur annähernd ein solches Ausmaß angenommen, dass ein so großes Land wie Russland flächendeckend erschlossen worden wäre. Deshalb bleibt einerseits das Problem weiterhin vorhanden, dass die zeitgenössische Kunst im öffentlichen Bewusstsein Russlands praktisch keine Rolle spielt, andererseits kann man aber beobachten, dass eine neue Künstlergeneration das Bild der russischsprachigen Kulturlandschaft nachhaltig verändert. Daher war unsere „Reise“ auch mit der Entdeckung des Neuen verbunden, mit der Entdeckung neuer Namen und neuer Qualitäten schon bekannter Künstler, aber auch mit der Bestätigung bisheriger Bewertungen. Man könnte die Künstler auch nach ihren Absichten unterteilen, nach der Absicht, zu entlarven, zu schmücken oder zu fragen. Im Grunde genügen sich die Arbeiten der Künstler selbst, aber die allgemeine Tonlage, die die Ausstellung weniger beherrscht, als dass sie zu ihr einlädt, sie mit den unterschiedlichsten Ideen und Einstellungen zu betreten, ist doch die Ungewissheit. Das Gefühl der Erwartung in einer Übergangszeit entspricht den alarmierenden, unklaren geopolitischen Veränderungen sowie den Zweifeln an den politischen und kulturellen Perspektiven Russlands und wird von der Kunst widergespiegelt. Kehrseite dieser Ungewissheit und sogar Angst ist aber immer Hoffnung und Sehnsucht.

Publikation zur Ausstellung