Marlene Dumas

Female

17.12.2005 – 26.2.2006

Es gibt einige – sehr wenige – künstlerische Œuvres, denen begegnet man, und danach sieht man alle Kunst mit anderen Augen. Marlene Dumas’ Werk hat diese Kraft, gerade weil ihre Zeichnungen und Gemälde uns so offen, so scheinbar direkt und klar Neugeborene, Kinder, Frauen und Männer zeigen. Bei genauerer Betrachtung der Werke erschließt sich allerdings Dumas’ Raffinesse im Einfachen, ihr exaktes Kalkül im Spontanen, die Breite der intellektuellen Interessen und Anknüpfungspunkte im Bezugsrahmen von Sexualität (»Leather Boots«, 2000), Geburt (»Warhol’s Child«, 1989/91), Tod (»The Missionary«, 2002/04) und Geschlechterverhältnis (»Immaculate«, 2003).

Das Gros der über 250 in der Kunsthalle gezeigten Ölgemälde, Gouachen und Aquarelle stammt aus der Sammlung Garnatz (Städtische Galerie Karlsruhe) und wird durch Leihgaben aus ganz Europa ergänzt. Die aktuellsten Arbeiten kommen direkt von der Biennale in Venedig sowie aus dem Privatbesitz der Künstlerin. Bereits im Frühjahr 2003 waren einige Werke von Marlene Dumas im Rahmen der Ausstellung »(In Search of) The Perfect Lover« in der Staatlichen Kunsthalle zu sehen.

Marlene Dumas’ Bedeutung im heutigen internationalen Kunstgeschehen und für viele andere Künstler rührt auch daher, wie souverän sie in ihrem Schaffen praktisch verbindet, was sich anderswo scharf widerspricht. Gleichsam feministisch desillusionieren ihre Inszenierungen des Weiblichen jeglichen männlichen Blick, insofern sich dieser als Besitz ergreifend wähnt. Mit ebensolcher Selbstverständlichkeit nimmt sie in ihren Zeichnungen, Gemälden, Gedichten und in ihrer Lehrtätigkeit auf nahezu barock vielschichtige Weise die Rolle des – traditionell patriarchalen – Künstlers als Schöpfer(gott) an.

Marlene Dumas sensibilisiert unsere Wahrnehmung, indem sie der fotografischen Typisierung und Vereinheitlichung der menschlichen Erscheinung in den Massenmedien künstlerische Präzision entgegensetzt. Sie schildert ihre Themen nicht als besser wissende Kommentatorin des menschlichen Daseins, sondern entwickelt ihre Zeichnungen vieldeutig, an den Grenzen des Benennbaren. Dabei gelingt es ihr wie in Foreign Thoughts, 2002, und Male Beauty, 2002, durch subtile farbige Nuancen der Haut des Papiers die sinnliche Gegenwart menschlich-leiblicher Präsenz zu entlocken.

Die von Matthias Winzen in enger Zusammenarbeit mit Marlene Dumas entwickelte Ausstellung ist eine Kooperation mit der Kunsthalle Helsinki und dem Nordischen Aquarellmuseum in Schweden.

Zur Ausstellung ist im Snoeck Verlag der Katalog »Marlene Dumas – Female« mit Texten (dt./engl.) von Oliver Kornhoff, Maija Tanninen-Mattila und Matthias Winzen erschienen (160 Seiten mit über 150 farbigen Abbildungen, 22,– ISBN 3-936859-32-9).

Ausgehend von frühen Zeichnungen, Skizzenbüchern und Materialcollagen ermöglicht die große Einzelausstellung einen umfassenden Einblick in das künstlerische Spektrum der in Amsterdam lebenden Künstlerin von den 1970er Jahren bis heute. Bereits in den nie zuvor ausgestellten Skizzenbüchern der Schülerin und jungen Studentin Marlene Dumas offenbaren sich die außerordentliche künstlerische wie konzeptionelle Begabung, die die Künstlerin zur international gefeierten "Malerfürstin" haben werden lassen, deren Werke auf dem Kunstmarkt in den letzten Jahren Höchstpreise erzielten. Einen Fokus in ihrem zeichnerischen Schaffen legt Marlene Dumas auf Serien von Aquarellen. In der Werkgruppe Female von 1992/93 untersuchte sie in 211 Zeichnungen die Darstellbarkeit des Weiblichen. Eine große Fläche schwarzgrauer Zeichnungen bedeckt dabei die Wände. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich ein Raster von ordentlich nebeneinander und übereinander gehängten Einzelporträts. Masse wird so als überwältigende Ansammlung von Individualität erlebbar. »Ich bewundere nicht nur einen Typ Frau – ich liebe viele Typen von Frauen. Aber es geht nicht nur darum zu versuchen, unterschiedliche vorhandene Frauenbilder zu interpretieren, es geht genauso um die Lust, Wesen zu schaffen, die im realen Leben nicht existieren. Es geht um die Freude am Vertrauten, das immer unbekannt bleibt« (Marlene Dumas).