Nairy Baghramian

The Walker’s Day Off

17.5.2008 – 6.7.2008

Institutionskritik und Kontextbezogenheit kennzeichnen die Ausstellung von Nairy Baghramian. Ihr Werk verbindet eine reduzierte Formensprache mit einem konzeptionellen Ansatz, der das System des Kunstbetriebs hinterfragt. Sie zitiert dabei aus dem Formenrepertoire der Moderne und interpretiert minimalistische und konzeptuelle Tendenzen vergangener Kunstströmungen neu. Bezüge zu Design, Architektur oder Mode werden aus ihrem ursprünglichen Kontext isoliert und in einen veränderten Sinnzusammenhang gestellt. Ausgehend vom Alltäglichen, wie zum Beispiel Einrichtungsgegenständen, Bühnenbildern und Möbeldesign arrangiert Baghramian komplexe Ensembles, deren vermeintliche Harmlosigkeit durch Verweise auf eine unter der Oberfläche schlummernde Bedeutung teils subversiv, teils ironisch erweitert wird. Neben kunsthistorischen und literarischen Themen hinterfragt sie in ihren Arbeiten politische und gesellschaftliche Machtsysteme.

Betritt man die Ausstellung The Walker’s Day Off, so begegnet man im großen Oberlichtsaal einer Gruppe von Objekten, die Assoziationen an Skulpturen der klassischen Moderne oder an Möbelobjekte wachrufen. Sie erinnern auch an Gehhilfen, wie man ihnen in Baden-Baden nicht selten begegnet und die im Fachhandel „Walker“, zu deutsch „Rollator“ genannt werden. Durch die Titel werden die Objekte zu Individuen, von denen man sich gerne wie von einem „Walker“ durch die Ausstellung begleiten lassen würde. Denn „Walker“ sind auch gut aussehende, charmante, humorvolle und gebildete Männer, deren Aufgabe es ist, allein stehende Societydamen zu gesellschaftlichen Anlässen zu begleiten.

Die an den großen Saal angrenzenden Räume sind leer. Einzig die Türschwellen bieten Raum für die Installationen. Sie bestehen aus polierten, schwarz lackierten Metallplatten mit vorgelagerten Spiegelflächen, die von Gummisockeln zusammengehalten werden. Diese Konstruktionen zwischen den Räumen changieren zwischen Blockade und Durchlässigkeit, Aufbau und Zusammenbruch, wirken formal präzise und autonom. Sie unterstreichen die architektonischen Details der Ausstellungsräume, die wir gewöhnlich nicht beachten, die wir nicht einmal bewusst wahrnehmen, weil sie so offensichtlich sind: die Abfolge ganz unterschiedlicher, aber ausgewogen proportionierter Säle, das Spiel von sym-metrischer und asymmetrischer Gruppierung sowie die ungewöhnliche Anordnung, bei der Axialität nicht schematisch durchgehalten, sondern immer wieder unterbrochen wird. Die Türen sind jeweils leicht aus der Wandmitte gerückt, so dass keine axialen Raumfluchten entstehen, die den Blick des Besuchers ungebremst in die Tiefe lenken würden. Deutlich werden diese Verschiebungen in den oktagonalen Räumen, in denen Baghramian zwei Metallstangen installierte, die sich von den Eingängen bis zu den Ausgängen der beiden Räume wie Markierungslinien ziehen. Nairy Baghramian thematisiert den Ausstellungsort per se, greift jedoch nicht in die Ausstellungsarchitektur ein. Im Zusammenspiel mit den reduzierten Installationen werden die seit ihrer Renovierung in altem Glanz strahlenden neoklassizistischen Räume der Kunsthalle und deren Besucher selbst zu Ausstellungsobjekten.

Mit Nairy Baghramian präsentieren wir eine Künstlerin, die an die Ausstellungstradition des Hauses anknüpft. Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden war immer ein Ort der Auseinandersetzung mit minimalistischen und konzeptuellen Positionen. Es ist unser Anliegen, in Zukunft eine jüngere Generation konzeptuell arbeitender Künstler vorstellen zu können, die diese Tradition kritisch weiterverfolgt und untermauert.

Publikation zur Ausstellung