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h 01kunsth3 Hermann Billing, „Kunstausstellung Baden-Baden“, Erreichungsentwurf, 1907

Die Architektur

Am Eingang der Lichtentaler Allee erhebt sich die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden auf einem Hügel. Nach außen erscheint der asymmetrische Baukörper geschlossen, umgeben von offenen Terrassen. Lediglich im Untergeschoss öffnet sich eine Fensterreihe zur Allee hin. Im späten Jugendstil entworfen und realisiert, zitiert das Gebäude im Stil des Klassizismus die Architektur und Bauornamentik der klassischen, griechisch-römischen Antike. Dafür sprechen der Dreiecksgiebel, die Wandpfeiler mit ionischen Kapitellen, das umlaufende und verkröpfende Kranzgesims mit Eierstab, der auch neben den Voluten und der Jahreszahl 1908 in römischen Ziffern über dem markant überwölbten Portal erscheint. Die Gliederung der Architektur besticht durch vornehme Zurückhaltung und eine gewisse Hermetik. Herrmann Billing zitiert mit dem hochrechteckigen Portal im Mittelrisalith mit Dreiecksgiebel den Typus griechischer Schatzhäuser in Delphi. Zudem variiert er  das Portal am ionischen Erechtheion auf der Akropolis in Athen in der Gestaltung des Eingangs. Dem Kanon des römischen Baumeisters Vitruv entsprechend verleihen die zurückhaltenden, ionisierenden Ornamente dem Bau sinnliche Leichtigkeit, was seiner Funktion als Haus der Kunst nahe kommt. Durch die Pilastergliederung scheint dabei aber durchaus auch der Eindruck eines Tempels auf. In der nach dem Vorbild des englischen Landschaftsgartens gestalteten Lichtentaler Allee setzt Billing so durch die Zitate griechischer Vorbilder auf romantische Vorstellungen einer arkadischen Idylle. Zudem nimmt die Architektur auch Bezug auf Friedrich Weinbrenners klassizistisches Baden-Badener „Kur- und Konversationshaus“, mit Casino und Konzertsälen.

Über die Freitreppe gelangt man ins Untergeschoss der Kunsthalle, in der sich jetzt ein Café, die Kasse und Räume der Verwaltung befinden. Hier öffnet sich seitlich die Skulpturengalerie. Im Hauptgeschoß stehen für Ausstellungen und Veranstaltungen zwei große Säle und eine Folge von rechteckigen und achteckigen Kabinetten im Umgang zur Verfügung. Sie bieten im Wechsel unterschiedlichster Raumeindrücke und Durchblicke eine Vielzahl von reizvollen Inszenierungsmöglichkeiten.
Der Bau selbst stößt zu Zeiten seiner Gründung auf Unverständnis. „Mancher Besucher legte den weitgehenden Verzicht auf schmückende Ornamente abschätzig als Ärmlichkeit aus, andere bemerkten spöttisch, sie fühlten sich angesichts der strengen Fassade eher an ein Krematorium als an eine Stätte der Kunst erinnert.“[1] Im Badischen Landtag war noch neun Jahre später von einem Stall die Rede, der sich da in die Lichtentaler Allee hinein schob. Die strenge Architektur gilt heute als ein frühes Beispiel für Tendenzen der Vereinfachung des Jugendstils, wie man sie auch bei dem schottischen Architekten und Designer Charles Rennie Mackintosh und den Wiener Werkstätten um Josef Hoffmann beobachten kann.
Seit nahezu hundert Jahren bis in die Gegenwart hinein hat sich bei Kuratoren, Architekten und vor allem Künstlern der Ruf der Kunsthalle als ein Ausstellungsinstitut von hohem Rang erhalten. Die Ausstellungsräume mit ihren eingewölbten, gerasterten Lichtdecken sind bis auf den hoch schwebenden Fries im großen Saal frei von jeglichen ornamentalen Hinzufügungen. Das besondere Licht, die Raumproportionen und Raumfolgen mit wechselnden Perspektiven haben sich über die vielen Jahrzehnte seit 1909 für die Präsentation von Kunst als ideal erwiesen. Bis heute bieten diese Räume den raffiniert einfachen, zurückhaltenden Rahmen, den eine Ausstellungshalle wie ein Museum benötigt, um der Kunst und ihren Betrachtern vorbildlich zu dienen.


Der Konzertsaal der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde ist weltberühmt wegen seiner unübertroffenen Akustik. Was der Konzertsaal in Wien für die Musik ist, ist die Kunsthalle in Baden-Baden mit ihren harmonischen Raumproportionen als Ausstellungsraum für die bildende Kunst. Mit dieser Architektur kann kein Ausstellungskurator etwas falsch machen. Eberhard Garnatz, Kunstsammler


[1] G. Kabierske: Das Gebäude der Kunsthalle Baden-Baden – Tempel oder Stall. In: Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, Hg., 77 Jahre Kunsthalle Baden-Baden, Baden-Baden 1986, S. 9