Selene States

Swing Shoe Shop

12.2.2012 – 9.4.2012

Selene States (*1984 in Providence, USA, lebt und arbeitet in London) bespielt erstmals den neu geschaffenen Studioraum 45cbm der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Ihre Installation "Swing Shoe Shop" verweist auf die vormalige Nutzung als institutioneller Verkaufsraum Ausgangspunkt bildet eine Videoinstallation, die eine getanzte Swingchoreographie zeigt.

Über 50 Paar Tanzschuhe aus den 1920er bis 40er Jahren an den Wänden und deren Geschichten inspirieren zum Eintauchen in die in Großstädten immer noch existierende Musik- und Tanzkultur des Swing aus der Vorkriegszeit. Die Schuhe können als Readymade-Objekte und/oder zum tatsächlichen Gebrauch erworben werden.

Kuratiert von Hendrik Bündge.




Aneignung und Umwandlung: "Why not pop in? Do your shoppin’ at THE SWING SHOE SHOP"


Für ihre Einzelausstellung „Swing Shoe Shop“ im Studioraum 45cbm der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden eignete sich die amerikanische Künstlerin Selene States über 50 Paar Tanzschuhe aus den 1920er bis 1940er Jahren an. Teilweise getragen mit erheblichen Gebrauchsspuren, teilweise wie neu, erzählt jeder Schuh seine eigene Geschichte. Der bereits erwähnte Zeitraum ist deshalb so interessant, da er verschiedene Sichtweisen auf diese Epoche bietet. Während in Deutschland (dem Studienort von Selene States) die 20er Jahre glorifiziert werden, sind die darauffolgenden beiden Dekaden negativ behaftet. In Amerika (dem Geburtsort der Künstlerin) und England (dem momentanen Wohnort) gibt es diesen Bruch nicht. So finden in England so genannte „Blitz-Partys“ statt, bei denen im Stil der 40er Jahre die ‚gute alte Zeit’ wiederaufleben soll.


Dieser nostalgische Blick zurück wird in der Ausstellung kontrastiert durch fiktive Geschichten die auf dem Audioguide, einem institutionellen Vermittlungsmedium, erfahrbar werden. Selene States engagierte für das Einlesen der von ihr verfassten Texte einen Schauspieler, der in einem ‚Transatlantic-‚ oder auch ‚Mid-Atlantic-Accent’ genannten Sprachstil die Texte einlas. Leicht exaltiert aber ungemein elegant, war der Sprachstil prägend für die Hollywood-Ära der 1940er Jahre, und wurde von Schauspielern wie Katherine Hepburn und Cary Grant gesprochen. Diese Texte fügen jedem Schuh eine zeitgenössische Interpretationsebene zusätzlich zu den Vermutungen des Betrachters hinzu.


Das annähernd 18-minütige HD-Video „Schrittumkehrung“ bildet den Ausgangspunkt der gesamten Ausstellung „Swing Shoe Shop“ in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. Anders als geläufig, wird das Video auf den Boden projiziert und kann dank verspiegelter Eingangstüren von verschieden Punkten im Café der Staatlichen Kunsthalle betrachtet werden. Doch ein erster Blick sorgt für Verwirrung, da nicht auf Anhieb festzustellen ist, was genau zu sehen ist. Es sind verschiedene Swingtanzschritte erkennbar, die vom Charleston der 1920er und 1940er Jahre bis zum Lindy Hop reichen. Der Bewegtheit des Videos stellt Selene States die Statik der ausgestellten Schuhe gegenüber. Das Momenthafte kontrastiert mit den bis zu 90 Jahre alten Schuhen, die einerseits starr wie Museumsstücke wirken, andererseits vom Besucher angefasst und anprobiert werden dürfen. States arbeitet hier mit einem einfachen aber wirkungsvollen Verfremdungseffekt: sie filmte die getanzte Swingchoreographie von unten durch eine Milchglasscheibe hindurch, wodurch der Tanz etwas Lyrisches erfährt. Die gleitenden, schwarzen Fußsohlen sind deutlich erkennbar, heben sich vom gedämpften, weißen Fußboden ab, wohingegen der restliche Körper lediglich durch Schatten an manchen Stellen des Videos angedeutet und erfahrbar wird. Durch die Art der Inszenierung, kann der Besucher des Raumes über die Projektion laufen und gegebenenfalls den Fußsohlen wie bei einer aufgeschriebenen Notation folgen und das Gesehene direkt umsetzen.


Der letzte Teil des Ausstellungstitels – „Shop“ – verweist indes auf die vormalige institutionelle Nutzung des Raumes als Bücherverkaufsraum: In der Tradition einer Institutionskritik präsentiert Selene States jeweils den linken Schuh einzeln auf einem weißlackierten Regalbrett und sorgt mit zusätzlichen Details wie einer Schuhbank, Schuhlöffeln und Schuhanprobiersöckchen für eine kommerzielle Atmosphäre - der white cube als Shop. Der nicht ausgestellte rechte Schuh wurde in einem speziell von States mit Siebdruck gestalteten braunen Schuhkarton verpackt und in dem Großraumbüro der Staatlichen Kunsthalle gestapelt. Die dort untergebrachten Mitarbeiter – Direktor, Sekretärin, Geschäftsführerin, kuratorische Assistenten und wissenschaftliche Mitarbeiter – werden während der Öffnungszeiten des „Swing Shoe Shop“ bei interessierten Besuchern als Schuhverkäufer tätig sein und sollen wenn möglich, das Paar Schuhe für 99,90 Euro verkaufen. Doch nicht nur als Readymade-Kunstobjekt, sondern auch als Gebrauchsgegenstand – so kann der Schuh bei Interesse unter Anleitung anprobiert und getragen werden. Doch handelt es sich nicht um mehr als das? Der Text für den letzten Schuh (Nummer 58) lautet ganz im Sinne Lautréamont: „Dies ist kein Schuh. Es ist die zufällige Begegnung eines Tabletts frischer Croissants auf einem nebel-beladenen Seerosenteich“.

 

 

Hendrik Bündge